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Stör-Fall im Osten

Von Nicola Liebert, Demmin

30.03.2004

Mit grandiosen Renditen lockt ein Geschäftsmann Investoren für eine Kaviarproduktion. Was die Anleger nicht wissen: Schon vor dem Start wird das Projekt durch Rechtsstreitigkeiten überschattet

Noch ist das Grundstück am Ortsrand von Demmin ein schlammiger Acker. Die Aufschrift der Bautafel verheißt jedoch eine glänzende Zukunft: „Unser Gold ist schwarz“, wirbt das Düsseldorfer Unternehmen KK. Vor zehn Tagen wurde der Grundstein für die Fischzuchthalle gelegt, in der die Firma von 2006 an in großem Stil Störrogen produzieren will. Mit dem griffigen Slogan sammelt KK bundesweit Geld ein, um die rund 14,5 Mio. Euro teure Anlage zu finanzieren. Danach sollen weitere Projekte folgen.

Demmin liegt in Vorpommern – dort wo das Land flach und fast menschenleer ist, dort wo jeder Dritte, der nicht weggezogen ist, keinen Job hat. Bürgermeister Ernst W. hofft auf die Kaviar-Investoren aus dem Westen, die mit Hilfe großzügiger EU-Subventionen zunächst 30 Arbeitsplätze entstehen lassen wollen: „Demmin soll zu einem Kompetenzzentrum der Aquakultur werden“, frohlockt der Lokalpolitiker.

In einer Halle neben dem Baugrund von KK züchten ein paar Demminer Unternehmer bereits Aale und Streifenbarsche. Es wuselt und wimmelt in den aneinander gereihten Riesenbadewannen. Ein strenger Geruch nach Fischmehl liegt in der schwülwarmen Luft, im Hintergrund rauschen riesige Pumpen, Filter und Sauerstoffgeräte.

Ein halbes Dutzend Herren im dunklen Anzug schiebt sich an den Becken vorbei. Die Vorstände und Aufsichtsräte von KK lassen sich die vollautomatisierte Anlage vorführen, denn so ähnlich soll auch ihre Zucht einmal aussehen – bloß viel größer. „Kaviar ist ein echter Glücksgriff“, sagt Frank Schuster.

Die Verheißungen des KK-Chefs hören sich für Branchenkenner geradezu unglaublich an. Geschlossene Fischzuchtanlagen wie die in Demmin genießen bislang keinen guten Ruf. Schuld daran ist unter anderem ein Westfale, der in den 90er Jahren Anleger mit seiner Fischzuchtfirma um 29 Mio. DM prellte. Vor allem in Mecklenburg-Vorpommern stellten nach der Wende zahlreiche Investoren derartige Anlagen in die Landschaft. Kaum eine ist noch in Betrieb.

Bei seinem Projekt in Demmin, darauf beharrt Schuster, laufe alles korrekt: für die Umwelt – ein hübsches Öko-Siegel hat sich die Firma selbst verliehen – und für die Anleger. Wer Anteile des „1. Kaviar Fonds“ zeichnet, mit dem das Projekt finanziert werden soll, darf sich laut Prospekt auf „Ausschüttungen von über 20 Prozent im Jahre 2006 und mehr als 30 Prozent ab 2007“ freuen.

Im persönlichen Gespräch verspricht Schuster sogar eine Kapitalrendite von 100 Prozent. Das Störfleisch Kaviar – elf Tonnen im Jahr soll die Anlage einmal produzieren – solle die Kosten decken, der für derzeit 900 Euro das Kilo verkaufte Kaviar sei der pure Profit. 4,5 Mio. Euro hätten Anleger bereits in den Fonds eingezahlt, sagt der Mann mit der cremefarbenen Jacquardweste unter dem schwarzen Anzug. Die restlichen 10 Mio. Euro für die Anlage in Demmin sollen durch Fördermittel und Bankkredite zusammenkommen.

Über die Fondsanteile hinaus bietet KK Anlegern die Möglichkeit, Miteigner des Unternehmens zu werden. Ende vergangenen Jahres habe das Aktienkapital 9 Mio. $ betragen, sagt Schuster, zurzeit nehme er monatlich weitere 2 Mio. $ ein. Am Hauptsitz von KK in Düsseldorf beschäftige er 130 Mitarbeiter, von denen allein 30 neue Aktionäre werben sollen.

Deren Methoden sind bereits unangenehm aufgefallen. Der Bremer Rechtsanwalt Wilhelm Segelken hat mehrere Anfragen von Anlegern wegen der „brutalen Akquise“ der Kaviar-Verkäufer erhalten.

Schuster will möglichst schnell möglichst viel Geld einsammeln. Der 48-Jährige sagt über sich selbst, er sei jemand, „den seit 20 Jahren Banken und Risikokapitalgesellschaften ansprechen, wenn sie große Investitionen vorhaben“. Mit der Kaviarproduktion soll es nach dem Debüt in Demmin Schlag auf Schlag weitergehen: „Wir nehmen noch dieses Jahr Anlagen auf Malta, in Las Vegas und in Hongkong in Angriff“, kündigt der Firmenchef an. Für 2005 sei der Gang an die Börse geplant – in den USA.

Obwohl die Aktien bislang nur in Deutschland vertrieben werden, firmiert KK bereits jetzt als US-Konzern. Die Adresse in Aloha, Oregon, die noch bis vor kurzem auf der Website der Firma angegeben war, teilte sich der Konzern unter anderem mit einer deutschen Lottotippgemeinschaft und einer Stiftung, die in den Vereinigten Staaten Mittel für den Verkauf europäischen Backwerks akquirieren will.

Die Begründung für die Konstruktion klingt simpel: „In den USA muss das Stammkapital nicht eingezahlt werden, bevor Aktien ausgegeben werden“, sagt Daniel Müller. Der Geschäftsmann bezeichnet sich als Gründer und Mehrheitsaktionär von KK und kann einen Vertrag über den Kauf einer leeren AG-Hülle von einer Firma namens US Corporation Services vorweisen.

Auf den angeblichen Mitstreiter ist Schuster schlecht zu sprechen. „Müller?“, giftet der KK-Chef, „der war mal bei uns angestellt.“ Weder sei er Gründer, noch besitze er irgendwelche Firmenanteile. Müller ist nun in den USA vor Gericht gezogen – in der Hoffnung, die Kontrolle über die AG zurückzugewinnen.

Er ist nicht der Einzige, der gegen KK juristisch vorgehen will. Christoph Hartmann, Chef der Weinheimer Anlagenbau-Firma United Food Technologies (UFT), droht, Schuster auf 5,4 Mio. Euro Schadensersatz zu verklagen. Hartmann wirft KK vor, einen Kooperationsvertrag verletzt zu haben.

Ausgangspunkt des Streits ist die einzige bislang in Deutschland existierende Kaviarproduktion in Fulda. Die Anlage wurde 1997 in Betrieb genommen, doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus. „KK sollte sich um die Geldbeschaffung kümmern, die UFT um die Technik“, sagt Hartmann.

Die Arbeitsteilung hat offenbar nicht funktioniert. Im Prospekt, mit dem KK Geld für die Störzucht einwirbt, tauchte UFT bis vor kurzem noch als Partner auf, der den Betrieb nicht in Vorpommern, sondern in Sachsen-Anhalt aufbauen soll. Der FTD liegt ein Vertrag vom Juni 2002 vor, in dem sich KK verpflichtet, man werde bei UFT „die Kreislaufanlage in Köthen wie im Prospekt ausgewiesen sofort bestellen“.

Von der Kooperation will Schuster nichts mehr wissen. „Wir haben keinen Vertrag mit der UFT“, erklärt der Firmenchef barsch. „Wir mussten uns davon überzeugen lassen, dass deren Technologie veraltet ist.“ Er fühle sich zudem durch Hartmann über die wirtschaftlichen Verhältnisse bei UFT getäuscht. Statt Köthen heißt der Standort nun Demmin, und die Anlage soll ein Konkurrenzunternehmen hochziehen. Die Beteiligung von KK an UFT will Schuster abschreiben – auch wenn damit 2 Mio. Euro perdu wären. Der fragliche Fondsprospekt ist inzwischen ersatzlos von der KK-Website verschwunden.

Die ersten Zeichner des Kaviar-Fonds hegen bereits Zweifel an der Qualität ihres Investments: Ein Anteilseigner des Fonds, der nach eigenen Angaben auch Aktien von KK gezeichnet hat, fühlt sich über die Risiken nicht hinreichend aufgeklärt und will mit Hilfe einer Anwältin sein Geld zurückbekommen.

Seine Chancen auf Erfolg stehen nach Ansicht von Experten nicht schlecht. „Wenn Probleme mit Köthen absehbar waren, müssen die im Fondsprospekt nachgetragen werden“, sagt Dietmar Kälberer von der Berliner Anwaltskanzlei Tilp & Kälberer. Und wenn sich jemand als Aktionär an der Firma beteiligt habe, als bereits klar war, dass der Zwist mit UFT hohe Abschreibungen zur Folge haben könnte, „dann ist das auch ein Problem“.

KK-Chef Schuster scheint ob dieser Einwände nur verwundert: „Warum sollten sich Investoren beschweren?“, fragt der Finanzmann, „die sind doch froh, wenn endlich gebaut wird.“

(Namen wurden z.T. wunschgemäß anonymisiert)