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© SonntagsZeitung; 2002-10-20 ch Jetpa: Tausende gutgläubiger Anleger geprellt Fadil Akgündüz verkaufte Anteilscheine einer Autofabrik, die es nie gab VON ANDREA BLEICHER ZÜRICH/ISTANBUL - 2002-10-20. Ein «galanter Kerl» sei Fadil Akgündüz gewesen, sagt sein ehemaliger Vermieter. Immer freundlich, immer tipptopp gekleidet. Doch dann, vor rund einem halben Jahr, liess sich der türkische Geschäftsmann von einem Tag auf den anderen nicht mehr in seinen Büroräumen an der Tischenloostrasse 59 in der Zürcher Seegemeinde Thalwil blicken. Zurück blieben nur ein silbernes Firmenschild, Ikea-Möbel und mehrere Zehntausend Franken Mietschulden. Akgündüz hatte guten Grund, sich aus dem Staub zu machen. Der 44-Jährige ist international zur Fahndung ausgeschrieben; Staatsanwaltschaften in der Schweiz, in Deutschland, Liechtenstein und der Türkei ermitteln gegen ihn. Der Inhaber der Firma Jetpa wird verdächtigt, Tausende von Anlegern um insgesamt 1,6 Milliarden Euro (2,4 Milliarden Franken) betrogen zu haben. Viel beachteter Auftritt am Genfer Autosalon vor zwei Jahren Seinen Anfang nahm der gigantische Nepp mit einer scheinbar genialen Geschäftsidee. Im Frühjahr 1999 trat Fadil Akgündüz mit Plänen an die Öffentlichkeit, das erste selbst entwickelte türkische Auto zu bauen. Imza 700 sollte der flotte, viertürige Kleinwagen heissen, «der die Welt im Sturm erobern wird» (Eigenwerbung). Stolz verkündete Akgündüz am Autosalon 2000 in Genf, wie ihm der Name des Strassenflohs eines Nachts im Traum erschienen war. Imza, so der Unternehmer, stehe für die Unterschriften, mit denen orientalische Herrscher früher ihre Erlasse unterzeichnet hätten; 700 für den 700. Geburtstag des Osmanischen Reiches. «Spätestens im Jahr 2002 werden jährlich 100 000 Imza vom Band rollen, ab 2005 eine Million», erklärte der Jetpa-Chef jedem, der es hören wollte. Und das waren viele. Bei der Finanzierung seines Projekts konnte Akgündüz auf das Nationalbewusstsein der Exiltürken zählen. Vor allem in Deutschland erwies es sich als erstaunlich einfach, an das Geld von Anlegern zu kommen. Bei eigens organisierten Grossveranstaltungen verhökerte der studierte Ingenieur Anteilscheine an willige Investoren. In Moscheen warb er Vertrauensleute an, die die Papiere im Schneeballsystem weitervertrieben. Bis zu 40 Prozent Gewinn wurde den Anlegern versprochen. «Täglich wurden damals mehrere Millionen gesammelt», sagt ein früherer Jetpa-Angestellter. Rund 1,6 Milliarden Euro, so die offiziellen Angaben der Strafverfolger, kamen bei den Sammelaktionen zusammen. Doch statt das Geld wie versprochen in den Bau einer Autofabrik in seiner südostanatolischen Heimatstadt Siirt zu investieren, liess Akgündüz es über dunkle Kanäle verschwinden. So fanden sich, als im Mai 2001 die Liechtensteiner Jetpa-Tochtergesellschaft Konkurs ging, auf den Konten gerade noch 41 367.20 Schweizerfranken. Von mehr als 350 Millionen - Geld von 16 000 Anlegern - fehlte dagegen jede Spur. Die Vaduzer Konkursverwalterin Bettina Kaiser bezeichnet Fadil Akgündüz denn auch unverblümt als «Drahtzieher einer Unterschlagungskampagne». Teilhaben am erschwindelten Reichtum liess der rührige Unternehmer dafür eine Extremistenorganisation. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) wird vom Deutschen Verfassungsschutz als «sicherheitsgefährdend» eingestuft und steht unter Beobachtung - hatte aber die Sympathie Akgündüz''. Mit mehreren Millionen half er der Vereinigung, die nach eigenen Angaben Muslimen «Orientierung und Wärme» anbieten will. Gut möglich, dass von Milli Görüs auch Geld an andere extremistisch-islamistische Organisationen geflossen ist. So rief eine IGMG-Gruppe auf ihrer Homepage zur finanziellen Unterstützung der «Befreiungskämpfer» in Tschetschenien auf. Ein Link führte zur militärischen Jihad-Seite, die auch von den Selbstmordattentätern des 11. September um Mohammed Atta besucht wurde. IGMG-Generalsekretär Mehmet Erbakan räumt in mehreren Fällen ein «Sponsoring» aus der Jetpa-Kasse ein. Kaum noch Hoffnungen machen sich die geprellten Anleger, ihr Geld je zurückzubekommen. Resigniert gibt sich Anwalt Alptekin Kirci aus Hannover, der 90 Jetpa-Geschädigte vertritt. «Meine Klienten glauben nicht, dass sie ihr investiertes Erspartes wiederkriegen. Die Anteilscheine, die sie erworben haben, sind wertlose Wische.» Dafür möchten die Betrogenen Fadil Akgündüz gern hinter Gittern sehen. Kandidat bei den türkischen Parlamentswahlen im November Genau das versucht der untergetauchte Geschäftsmann zu verhindern. Obwohl er mit internationalem Haftbefehl gesucht wird und die Behörden ihm Betrug, Geldwäscherei und Steuerhinterziehung vorwerfen, tritt der Möchtegern-Autobauer bei den türkischen Parlamentswahlen vom 3. November an. Als unabhängiger Kandidat will er im Bezirk Siirt einen Sitz gewinnen - und damit auch parlamentarische Immunität. Akgündüz'' nicht ganz blütenweisse Weste ist gemäss Auskunft der lokalen Wahlkommission kein Grund, seine Kandidatur abzuweisen. «Er ist ja nicht rechtmässig verurteilt. Also darf er auch Abgeordneter werden», lautet die offizielle Erklärung. Die Chancen auf einen Wahlerfolg des flüchtigen Milliardenbetrügers stehen offenbar gut. Obwohl er seine Kampagne aus dem Untergrund - wahrscheinlich aus einem Versteck in der Schweiz - führen muss. So erklärt Michael Murat Sertsöz, Kölner Anwalt der Firma Jetpa: «Die Leute in Siirt lieben Fadil Akgündüz. Egal, was er getan hat.» © SonntagsZeitung; 2002-10-20; Seite 1 Polizei jagt Milliardenbetrüger Türke schädigte Tausende Kleinanleger und finanzierte extremistische Gruppen ZÜRICH/ISTANBUL - Die Schweizer Polizei fahndet nach dem türkischen Milliardenbetrüger Fadil Akgündüz. Dem 44-Jährigen, der mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, wird vorgeworfen, Tausende von Kleinanlegern in Deutschland, Österreich und der Schweiz um insgesamt 2,4 Milliarden Franken gebracht zu haben. Akgündüz, dessen Firma Jetpa ihre Büros erst in Zug und dann in der Zürcher Gemeinde Thalwil hatte, ist auf der Flucht. Nach Angaben der türkischen Behörden soll er sich in der Schweiz aufhalten. Offenbar zieht der Geschäftsmann, den ehemalige Angestellte «als smarten Gentleman» beschreiben, von Fünfsternehotel zu Fünfsternehotel. Die Türkei hat vor zwei Wochen ein formelles Auslieferungsersuchen für Akgündüz gestellt, wie der Sprecher des Bundesamtes für Justiz, Folco Galli, am Wochenende gegenüber der SonntagsZeitung bestätigte. Teile der erschwindelten Gelder soll der studierte Maschinenbauingenieur Akgündüz für die Unterstützung extremistischer islamischer Organisationen ausgegeben haben. So finanzierte er die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) mit mehreren Millionen Franken. Milli Görüs wird vom deutschen Verfassungsschutz als «sicherheitsgefährdend» eingestuft und steht unter Beobachtung. Von den ertrogenen Milliarden fehlt bis jetzt jede Spur In die Ermittlungen involviert ist auch die Basler Staatsanwaltschaft. Sie wirft Fadil Akgündüz Veruntreuung und Unterschlagung zur Last. Auf Ersuchen der Basler sperrte die Credit Suisse Akgündüz' Geschäftskonten. Von den ertrogenen Milliarden fehlt aber jede Spur, sichergestellt wurden nur rund 100 000 Franken. Den Firmensitz in Thalwil verliess Akgündüz vor wenigen Monaten überstürzt. Dabei hinterliess er nicht nur die Büromöbel, sondern auch Mietschulden von mehreren zehntausend Franken. Neben den Schweizer Behörden ermitteln auch Staatsanwaltschaften in Frankfurt, Vaduz und Istanbul gegen den Jetpa-Chef. Akgündüz schwindelte potenziellen Anlegern vor, das erste selbst entwickelte türkische Auto zu bauen und verkaufte während drei Jahren wertlose Anteilscheine für seine Firma an Exil-Türken. Mehr als zwei Prototypen des Wagens mit dem Namen «Imza», den der Türke auch am Genfer Automobilsalon 2000 präsentierte, wurden nie produziert. Ebenso inexistent ist die dafür vorgesehne Fabrik in der südostanatolischen Stadt Siirt. Die genaue Zahl der betrogenen Anleger ist laut Angaben der Strafverfolger nicht zu eruieren. Viele Leute hätten Schwarzgeld investiert und trauten sich nicht, Anzeige zu erstatten. zurück home hier |
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